2006-04-20 19:28:55
Der Nök im Karpfenteich
phlog photo
View this photo: Original (640x480)  Small (320x240)
Als die Gegend um Berlin noch waldig, grün und sumpfig war, begannen die Treptower, den Karpfenteich anzulegen. Da es noch keine Bulldozer und Caterpillar gab, war das ein langwieriges und schwieriges Unterfangen. Zu gleicher Zeit wurde irgendwo in der Mark Brandenburg ein anderes Gewässer trocken gelegt, in welchem ein Nök ein Wasserwesen – wohnte.

Als der Nök merkte, dass sein See austrocknen sollte, zerstörte er seine Wohnung und wanderte des Nachts mal hier und mal dorthin. Nirgends fand er einen geeigneten See für sich. Die meisten Teiche und Seen waren von anderen Wassergeistern bewohnt. Diese gaben ihm zwar Nahrung, und er durfte dort auch übernachten, aber niemand wollte ihn behalten, denn er sah – selbst für die Wasserwesen – nicht gerade sehr schön aus. Mit seinem unförmigen Nacken, seinen breiten, starken Flossenhänden und seinem Watschelgang gefiel er niemandem aus seinem Volk, und keiner wollte ihn bei sich behalten. Als er schon soviel herumgewandert war und sich an seinen Flossenfüßen Blasen gelaufen hatte, entdeckte er den halbfertigen Treptower Karpfenteich.

So richtig froh und glücklich war er erst, als er feststellte, dass kein anderer Wassergeist hier wohnen wollte. Tagsüber versteckte er sich in dem dichten Schilf, und nachts grub er in den Erdboden des Teichs eine wunderschöne Wohnung.
Niemand weiß, woher die Wassergeister die Materialien dazu erhalten, aber Menschen, die in früheren Jahren Wassermänner oder deren Frauen besucht haben, erzählen von gläsernen Wänden, schöner Ausstattung und Juwelen überall. Letztere hatten aber bestimmt nur die Meereskönige und deren Familie.

Als unser Nök seine Wohnung fertig hatte, wurde das Wasser in den Teich geleitet, und niemand war froher als er, denn jetzt hatte er endlich wieder ein Zuhause und war in seinem Element – im Wasser.

Ein Schäfermädchen, das täglich in der Nähe des Karpfenteiches die Schafe weidete, gefiel dem Nök von allen hier wohnenden Menschen am besten. Vom Schilf aus beobachtete er es, wenn es am Ufer Blumenkränze flocht und dazu sang. Zuerst hatte er sich in die wunderschöne Stimme verliebt, dann in ihre schönen langen, schwarzen Locken, und jetzt hasste er die Regentage im Herbst und den Winter, weil er sie dann nicht sehen und hören konnte. Ein Waisenmädchen, sagten die Leute, wäre sie. Der Vater, ein lustiger Musikant aus Italien, war bald weiter gewandert und die Mutter, eine Magd, war schon lange tot. Im Frühling, als die Wiesen wieder grün wurden, kam das Mädchen, Schafe hütend, an das Ufer des Treptower Karpfenteiches. Dann war unser Nök wieder so richtig glücklich, und im Herbst wurde er regelmäßig traurig und verschlief den Winter in seiner schönen Wohnung.

So vergingen viele Jahre, und das kleine Mädchen wurde eine wunderschöne Jungfrau, und der Nök nutzte jede Stunde, um in ihrer Nähe zu sein. Wenn aber im Sommer die Burschen der Gegend dem Mädchen auflauerten, und sie nicht mehr wusste, wohin sie sich abwenden konnte, dann raschelte der Nök mit dem Schilf und ließ grollende Laute vernehmen. Sofort wandten sich die Lümmel ab, weil sie dachten, die Mädchen aus Treptow beobachteten sie, und sie wollten auf keinen Fall bei dem ärmlichen Schäfermädchen gesehen werden. Aber einmal trieb so ein Treptower Bengel es so arg, da half kein Schilfrascheln und kein noch so lautes Grollen. Der Nök wollte gerade alle Vorsicht vergessen, als sich das Schäfermädchen von dem üblen Burschen losriss und in den Karpfenteich rannte. Nach einigen Metern versank es im Wasser. Der Bursche schmiss ihr zerschlissenes und zerrissenes Kleid, das er noch in den Händen hatte, auf die Erde und rannte, so schnell er konnte, weg, denn er wollte nicht als Mörder auf dem Schafott enden, nicht ahnend, dass er beinahe von dem Nök ermordet worden wäre. Der Nök schwamm zu dem Mädchen, nahm die Ohnmächtige in seine Arme und bettete sie auf einen großen Steinhügel im Schilf. Er beobachtete das Schäfermädchen und war glücklich wie nie in seinem Leben, weil er seiner Geliebten so nahe sein durfte. Als das Mädchen die Augen aufschlug, war es schon dunkel. Er sprach beruhigend auf sie und bat sie, niemandem zu erzählen, dass es ihn gäbe, küssten sie zärtlich auf die Stirn und zeigte ihr – durch das Schilf – den Weg zum Ufer und zu ihrem Kleid. Seitdem ging das Schäfermädchen jeden Tag bis an den Rand des Teiches und sprach mit dem Nök im Schilf und sang ihm Lieder vor. Nie aber ließ er sich sehen, weil er um sein unschönes Aussehen wusste. Es waren für beide sehr schöne Wochen, weil sich keiner mehr einsam fühlte, bis... ja bis eines Tages eine Kutsche mit einem gut gekleideten, älteren Herrn am Weg hielt, und dieser sich zu dem Schäfermädchen begab und mit ihr redete. Der Nök wollte seinen Ohren nicht trauen. Freude, Schmerz und Traurigkeit durchzogen sein Herz. Der Herzschmerz blieb, als er hörte, dass dieser Mann der lustige Musikant aus Italien, der Vater des Mädchens, ein berühmter Sänger geworden war. Als er in Berlin ein Konzert gegeben hatte und seine frühere Geliebte besuchen wollte, erfuhr er, dass die Schäferin seine Tochter wäre. Nun wollte er seinem Kind ein gutes Leben bieten und es mit nach Italien nehmen. Das Mädchen verabschiedete sich von dem Nök mit Winken und trieb die Schafe heim, während der Vater mit der Kutsche fortfuhr. Am nächsten Tag hielt die Kutsche wieder oben am Weg. Beinahe hätte der Nök sein Schäfermädchen nicht wieder erkannt. Sie war schön, wie er sie immer in seinen Träumen gesehen hatte. In dem neuen Kleid kam sie mit ihrem Vater zum Schilf. Der Vater, nachdem er feststellte, dass niemand in der Nähe war, sagte: „Lieber Nök, meine Tochter hat mir von dir, ihrem Lebensretter, erzählt. Ich danke dir lebenslang. Bevor wir in unsere Heimat fahren, wollen wir dir zum Abschied und aus Dankbarkeit ein Lied singen“. Die beiden sangen so wunderschön, die Töne lösten sich nicht auf, weil sie nicht vergessen sein wollten. Noch heute klingen sie im Herzen der Menschen, die sich eins mit der Natur fühlen und Liebe und Dankbarkeit empfinden können. Ob sie der Nök noch hört? Vielleicht liegt er in seiner Wohnung und träumte von seiner „Prinzessin“. Vielleicht ist er damals auch nach Italien ausgewandert. Wer kennt schon das Wesen eines Wassermannes und wer weiß, was ein liebender Wassermann alles unternimmt, um in der Nähe seiner Traumfrau zu sein.

© Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin
Leave a comment